答盧諶詩
Liu Kun 劉琨 (270–317)
琨頓首。損書及詩。 備辛酸之苦言。暢經通之遠旨。 執玩反覆。不能釋手。 慨然以悲。歡然以喜。 昔在少壯。未嘗檢括。 遠慕老莊之齊物。近嘉阮生之放曠。 怪厚薄何從而生。哀樂何由而至。 自頃輈張。困於逆亂。 國破家亡。親友彫殘。 塊然獨坐。則哀憤兩集。 負杖行吟。則百憂俱至。 時復相與舉觴對膝。破涕為笑。 排終身之積慘。求數刻之暫歡。 譬由疾疢彌年。而欲一丸銷之。 其可得乎。夫才生於世。 世實須才。和氏之璧。 焉得獨曜於郢握。夜光之珠。 何得專玩於隨掌。天下之寶。 固當與天下共之。但分析之日。 不能不悵恨爾。然後知聃周之為虛誕。 嗣宗之為妄作也。昔騄驥倚輈於吴坂。 長鳴於良樂。知與不知也。 百里奚愚於虞而智於秦。遇與不遇也。 今君遇之矣。勗之而已。 不復屬意于文。二十餘年矣。 久廢則無次。想必欲其一反。 故稱指送一篇。適足以彰來詩之益美耳。琨頓首頓首。 厄運初遘。陽爻在六。 乾象棟傾。坤儀舟覆。 橫厲糾紛。群妖競逐。 火燎神州。洪流華域。 彼黍離離。彼稷育育。 哀我皇晉。痛心在目。 天地無心。萬物同塗。 禍淫莫驗。福善則虛。 逆有全邑。義無完都。 英蘂夏落。毒卉冬敷。 如彼龜玉。韞櫝毀諸。 芻狗之談。其最得乎。 咨余軟弱。弗克負荷。 愆釁仍彰。榮寵屢加。 威之不建。禍延凶播。 忠隕于國。孝愆于家。 斯罪之積。如彼山河。 斯釁之深。終莫能磨。 郁穆舊姻。嬿婉新婚。 不慮其敗。唯義是敦。 裹糧攜弱。匍匐星奔。 未輟爾駕。已隳我門。 二族偕覆。三孽並根。 長慚舊孤。永負冤魂。 亭亭孤幹。獨生無伴。 綠葉繁縟。柔條修罕。 朝採爾實。夕捋爾竿。 竿翠豐尋。逸珠盈椀。 實消我憂。憂急用緩。 逝將去矣。庭虛情滿。 虛滿伊何。蘭桂移植。 茂彼春林。瘁此秋棘。 有鳥翻飛。不遑休息。 匪桐不棲。匪竹不食。 永戢東羽。翰撫西翼。 我之敬之。廢歡輟職。 音以賞奏。味以殊珍。 文以明言。言以暢神。 之子之往。四美不臻。 澄醪覆觴。絲竹生塵。 素卷莫啟。幄無談賓。 既孤我德。又闕我鄰。 光光叚生。出幽遷喬。 資忠履信。武烈文昭。 旌弓騂騂。輿馬翹翹。 乃奮長縻。是轡是鑣。 何以贈子。竭心公朝。 何以敍懷。引領長謠。
Antwort an Lu Ch'en: Brief und Gedicht Erwin von Zach (1872–1942)
— in: Zach, Erwin von. Die chinesische Anthologie, Harvard Yenching Institute Studies 18. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 1958. p. 412-416.
Ich [Liu] K'un, beuge mein Haupt vor Dir. Du warst so gnädig, mir einen Brief und ein Gedicht zukommen zu lassen. Sie sind voll trauriger Worte, die mich zu Tränen gerührt haben, und erklären Deine tiefliegende Absicht [mich zu verlassen], die mit Wahrheit und Ethik im Einklange ist. Ich las Brief und Gedicht immer wieder von neuem und konnte sie nicht aus der Hand legen. Ich war getroffen bis zur Betrübnis und war erbaut bis zur Freude. Einst als ich jung war, verstand ich es noch nicht, die menschlichen Verhältnisse sorgfältig zu untersuchen; ich verehrte die Lehre der fernen Philosophen Lao-tzu und Chuang-tzu über die Unterschiedslosigkeit (Auflösung der Gegensätze) aller Erscheinungen und pries die Ungebundenheit des zeitlich nahen Juan Chi; ich wunderte mich, wodurch [der Unterschied zwischen] Freundlichkeit und Lieblosigkeit zustande käme und woraus Kummer und Freude entstünde (d.h. ich lernte nur Freundlichkeit und Freude kennen). In letzter Zeit wurde ich aber, überwältigt durch die grosse Rebellion, aus meinen Ideen aufgeschreckt. Das [Chin-]Reich wurde zerstört, meine Familie ging zugrunde, Verwandte und Freunde verschwanden allmählich. Ging ich auf einen Stock gestützt Verse summend umher, da befielen mich die hundert Sorgen insgesamt; sass ich bewegungslos in meiner Verlassenheit, da überkamen mich Kummer und Kränkung (wegen all' des Unglücks). Oft war ich dann mit Dir zusammen, trinkend und redend in vertrauter Unterhaltung; da wandelten sich meine Tränen in Lachen, ich vertrieb die angehäufte Trauer meines Alters und genoss die zeitweilige Freude einiger Viertelstunden. Doch ist dies gerade so, wie wenn man eine jahrelange, chronische Krankheit mit einer einzigen Pille heilen wollte. Ist das etwa möglich? Talentierte Männer erscheinen in dieser Welt, gerade wenn die Welt ihre Talente wirklich braucht (d.h. auch Du bist ein solcher Mann, auf den ich allein daher nicht Beschlag legen darf). Wie sollte der Edelstein des Pien Ho (BD No. 1650) nur bestimmt sein, in der Hand [des Herrschers] von Ch'u zu leuchten? Wie könnte jene die Nacht erhellende Perle nur [vom Fürsten] von Sui geschätzt werden? Die wertvollen Objekte der Welt dürfen nicht nur Einzelnen zu Verfügung stehen, sondern müssen der ganzen Welt Ergötzen bereiten. Nur zur Zeit, da man sich (von einem solchen Juwel) trennt, wird sich Trauer nicht vermeiden lassen. Daher verstehe ich jetzt erst (nach Deiner Trennung), dass Lao-tzu und Chuang-tzu (mit ihrer Theorie der Unterschiedslosigkeit aller Erscheinungen) nur leere Reden führten, und dass Juan Chi (mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Welt) nur bluffte. Einst lehnte [erschöpft] ein Renner wie Lu[-erh] oder [Ch'i-] chi gegen die Deichsel [seines Salzwagens] auf dem Abhang des Wu-Berges und wieherte (langgezogen), als er Wang Liang oder [Po] Lao (BD No. 2196 u. 1661) erblickte. Warum? Weil [die Letzteren Renner] zu schätzen wussten, [der Kutscher des Salzwagens] aber nicht. Po-li Hsi (BD No. 1659) galt als dumm, als er noch [für den Fürsten von] Yü arbeitete, war aber weise [im Dienste des Herrschers von] Ch'in. Warum? Weil er [mit Letzterem] harmonierte, [mit Ersterem] aber nicht. Jetzt hast Du endlich (den Würdenträger Tuan P'i-ti) gefunden, der mit Dir harmoniert und Dich zu schätzen weiss; Du hast also nichts anderes zu tun, als fleissig und vorsichtig zu sein. Mehr als zwanzig Jahre habe ich mich nicht mehr mit Schriftstellerei befasst; wenn man schon lange aus der Übung gekommen ist, ist die Anordnung der litterarischen Arbeit mangelhaft. Soviel ich glaube, erwartest Du bestimmt, dass ich Dir Antwort [auf Dein Gedicht] zukommen lasse; daher entspreche ich nun Deiner Erwartung und sende Dir folgendes Gedicht. Es wird gerade genügen, um die grössere Schönheit Deines Gedichtes hervortreten zu lassen. Ich grüsse Dich ehrerbietig. [Gerade als das Glück der Chin-Dynastie seinen Höhepunkt erreicht hatte] brach zuerst das Unglück über sie herein (denn nach dem I king, Legge 58/1, 267/17, kann der Zustand der höchsten Fülle nicht beständig dauern). Der Himmel brach zusammen wie ein Firstbalken; die Erde sah aus wie ein umgekipptes Schiff. Eine furchtbare Verwirrung machte sich allenthalben geltend; alle Dämonen (d.h. die fünf Barabarenstämme) schienen um die Wette [nach dem Throne] zu streben. Es war wie wenn Feuer China verwüstete oder eine Überschwemmung das ganze Reich unter Wasser setzte. Wo früher Paläste gestanden hatten, wuchsen jetzt Reis und Hirse (Legge IV 110, 276) in üppiger Entfaltung. Wie bejammernswert war die einst mächtige Chin-Dynastie! Alle diese schmerzlichen Szenen stehen für immer vor meinem inneren Auge. Himmel und Erde hatten kein Mitleid; sie betrachteten die ganze Natur als gleich (machten keinen Unterschied zwischen Menschen und anderen Lebewesen). Dass Unglück den Bösen treffen muss, zeigte sich nicht; es erwies sich als Irrtum, dass Gute durch Glück belohnt werden. Wenn ein Bezirk sich den Rebellen anschloss, blieb er erhalten; wenn eine Stadt der Dynastie treublieb, wurde sie vernichtet. [Die Chin-Dynastie war wie] eine herrliche Blüte, die im Sommer verwelkte; [die Aufständischen waren wie] giftige Kräuter, die im Winter gediehen. [Das Herrscherhaus] war wie eine Schildkrötenschale oder ein Stück Jade, die [in einem Koffer verborgen] plötzlich Schaden leiden (ohne daran Schuld zu sein; Legge I 307). [Lao-tzu's] Worte (Tao te king 5) [dass der unbarmherzige Himmel die Menschen verwirft, wie diese] die Strohpuppe eines Hundes (nach der Opferhandlung), sind nur allzuwahr. Ach, ich bin ein schwacher Mann, der nicht imstande war, seine Pflichten zu erfüllen. Trotzdem meine Mängel offensichtlich waren, erhöhte der Kaiser in seiner Gnade wiederholt meine Stellung. Mein militärisches Prestige konnte ich nicht aufrecht erhalten (ich wurde durch Liu Ts'ung; BD No. 1359, geschlagen); Unglück erreichte meine Eltern (die getötet wurden) und ich musste flüchten. Es war mir nicht möglich, dem Reiche meine Loyalität zu zeigen; ich verabsäumte die Pflichten der Pietät gegenüber den Eltern. Die Grösse meiner Fehler ist zu vergleichen mit [der Höhe] eines Berges oder mit [der Tiefe] des Meeres. Meine Schuld ist so tiefsitzend, dass sie nicht weggewischt werden kann. Unsere Familien, die durch frühere und spätere Ehen mit einander verschwägert sind, lebten in Eintracht und Harmonie. Deine Eltern kümmerten sich nicht um meine Niederlage und zeigten mir immer die alte Treue. Sie begaben sich auf die Reise zu mir (versahen sich mit Reiseproviant) und nahmen ihren kleinen Sohn (Dich, o Lu Ch'en) mit sich; sie taten ihr Äusserstes, um schnell wie ein Meteor [bei mir einzutreffen]. Aber noch hielt ihr Wagen nicht vor meinem Hause, da waren meine eigenen Eltern schon getötet. Unsere beiden Familien gingen zugrunde; meine drei Neffen wurden alle ermordet (wie Wurzeln ausgerissen). Ich werde mich stets vor diesen Waisen (deren Vater, mein älterer Bruder, schon lange vorher verstorben war) schämen müssen; für immer habe ich mich gegenüber den Mitgliedern unserer beiden Familien, die ich vor Verunglimpfung nicht schützen konnte, undankbar gezeigt. Du bist wie ein einzelner, hochragender Bambusstamm, der allein wächst ohne Genossen. Er trägt reiches, grünes Laub; seine eleganten Äste sind lang, mit nur wenigen Knoten. Morgens wollte ich seine Früchte pflücken; abends dachte ich mit der Hand über seinen Stamm zu streifen. Dieser grüne Stamm zeigte eine acht Fuss weite Entfernung seiner Knoten; [und die Früchte erinnerten an] aussergewöhnliche Perlen und füllten eine ganze Schüssel (d.h. Lu Ch'en's Fähigkeiten waren aussergewöhnlich). Du [mit Deinen Fähigkeiten] verstandest tatsächlich meine Sorgen zum Verschwinden zu bringen; in meiner tiefen Betrübnis wurde ich durch Dich aufgeheitert. Willst Du jetzt wirklich mich verlassen und [zu Tuan P'i-ti] gehen? Mein Haus wird dann verödet sein und nur die Sehnsucht nach Dir wird für immer verbleiben. Warum spreche ich von dieser Oede [meines Hauses] und von der immerwährenden Sehnsucht [nach Dir]? [Du bist eben wie] eine Orchidee oder eine Cassia, die an einen andern Ort verpflanzt wird. Du wirst jenen in Frühlingsblüte stehenden Wald (Tuan P'i-ti) verschönern und dieses herbstliche Donnergestrüpp (mich selbst) zum Welken bringen. Du bist wie ein in der Luft kreisender Phönix, der keine Musze findet, sich auszuruhen; Der sich nur auf einem Sterculia-Baum niederlässt und sich nur von Bambusfrüchten nährt. Dein Flug wird [in Yu-chou im] östlichen [Hauptquartier des Tuan P'i-ti] sein Ende finden, nachdem Du [meinen Standplatz Ping-chou] im Westen (= T'ai-yüan-fu) verlassen haben wirst. Da mein Herz Dich verehrt, werde ich nach Deiner Abreise jeder Freude bar sein und meine Pflichten nicht mehr erfüllen können. Lieder wurden gesungen für [den Freund, der] diese Musik zu würdigen wusste; schmackhafter Wein wurde wegen seiner ausserordentlichen Güte geschätzt. Deine literarische Kunst diente dazu, meine Worte zu verdeutlichen; Deine Gespräche waren geeignet mich aufzuheitern. Nach Deiner Abreise werden diese vier guten Dinge mir abgehen: Der dicke Wein hat sich geklärt (sein Aroma verloren) und wird nicht mehr getrunken. Gitarre und Flöte liegen staubbedeckt da. Die weissen Papierrollen werden von Dir nicht mehr beschrieben; in mein Zelt kommt kein Freund mehr, um sich mit mir zu unterhalten. Du hast auch meine Tugend verwaist zurückgelassen (d.h. Du wirst mir nicht mehr durch Ermahnungen helfen); und überdies habe ich einen gleichgesinnten Nachbarn verloren (Legge I 172). Glorreich steht Tuan P'i-ti da; aus einem tiefen Tal ist er [wie ein Vogel] hervorgekommen und hat sich auf einem hohen Baum niedergelassen (Legge IV 253). Er ist ein loyaler, rechtschaffender Mann, dessen militärische und administrative Verdienste bekannt sind. Seine Flaggen und seine Bogen sind in bester Ordnung (d.h. seine Armee ist kriegsbereit); seine Wagen und Pferde sind zahlreich und erstklassig. Da hat er nun ein langes Lasso ausgeworfen, Dich gefangen und Dir Zügel und Gebiss angelegt. Womit kann ich Dich jetzt [bei Deiner Abreise] beschenken? Ich kann nur die Hoffnung aussprechen, dass Du stets mit ganzem Herzen dem Reich und der Dynastie dienen wirst. Wie kann ich meine Gefühle ausdrücken? Ich singe dieses lange Lied, während ich volll Sehnsucht nach Dir ausschaue.