將仲子
Anonymous (Shijing)
將仲子兮 ,無踰我里,無折我樹杞。 豈敢愛之,畏我父母。 仲可懷也,父母之言,亦可畏也。 將仲子兮 ,無踰我牆,無折我樹桑。 豈敢愛之,畏我諸兄。 仲可懷也,諸兄之言,亦可畏也。 將仲子兮,無踰我園,無折我樹檀。 豈敢愛之,畏人之多言。 仲可懷也,人之多言,亦可畏也。
Des Mädchens Klage Hans Bethge (1876–1946)
— in: Bethge, Hans. Die chinesische Flöte. Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Leipzig: Insel Verlag, 1907. p. 6f.
Freund, ich beschwöre dich, komm nicht durch unser Dorf, Besteige nicht den Weidenbaum, der unter meinen Händen gedeiht! Ich darf dir ja mein Herz nicht schenken, Ich muss mich beugen meiner Eltern Machtgebot. O du! Es drängt mich, deine Liebe zu erfahren, Aber den vorwurfsvollen Worten meiner Eltern Muss ich mich beugen, Freund, in Ehrfurcht und in Scheu. Freund, ich beschwöre dich, besteige nicht die Mauer Unseres Hofes! Brich die jungen Blätter nicht Des Maulbeerbaums, den meine Hände einst gepflanzt! Ich darf dir ja mein Herz nicht schenken! Dem Verlangen Der ältern Brüder muss ich folgen. Demutvoll Muss ich gehorchen ihrem unglückseligen Rat. Freund, ich beschwöre dich, durchbrich das Gitter nicht Und reisse meinen lieben Sandelbaum nicht nieder! Ich darf dir ja mein Herz nicht schenken! Wehe mir! Der Menschen Lästerzungen sind gemein und niedrig, – Wie gern wollt ich von dir geliebt sein, süsser Freund, Doch fürchte ich der Menschen Zungen wie den Tod! Freund, ich beschwöre dich, vergiss mich armes Weib!
Behutsamkeit wird anempfohlen Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 59f.
Tschong-Tse, lass' dich erbitten, Geh' nicht durch unsres Dorfes Mitten, Zerbrich auch nicht die Weiden-Hecken! Wie könnt' ich sonst dich lieben, Darf ja die Aeltern nicht betrüben; Tschong-Tse, bedenke, bedenke! Weil mich die Aeltern schrecken. Tschong-Tse, lass dich erbitten, Die Mauer ja nicht überschritten, Zerbrich auch nicht die Maulbeerzweige! Wie könnt' ich sonst dich lieben, Verrath die Brüder üben; Tschong-Tse, bedenke, bedenke! Sonst geht die Lieb' zur Neige. Tschong-Tse, lass' dich erbitten, Vom Garten bleib' und ehr' die Sitten, Zerbrich auch nicht die zarten Ranken! Wie könnt' ich sonst dich lieben, Nicht frei von Schmach geblieben; Tschong-Tse, bedenke, bedenke! Ich scheu' der Leute Rede und Gedanken.
Brief eines Mädchens Max Fleischer (1880–1942)
— in: Fleischer, Max. Der Porzellanpavillon. Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Berlin, Wien, Leipzig: Paul Zsolnay Verlag, 1927. p. 89f.
— in: Braun, Felix. Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 1952. p. 22.
Geliebter! Komm nicht mehr durchs Dorf geritten. Steig niemals wieder – laß, o laß dich bitten! – auf unsere Weide! Sieh, es kann nicht sein: Ich darf mich Dir, du Einziger, nicht weihn. Denk, meine Mutter ist so lieb und treu, schau: so verhärmt sind meines Vaters Züge. Geh, meide mich, daß ich mich willig füge! Es wird mir schwer genug. Glaub mir, Tschong-Tseu! Auch auf der Mauer laß dich nicht mehr blicken! Du könntest unser Maulbeerbäumchen knicken. Ich pflanzt es selber, möcht dirs nie verzeihn. O Gott, wie gerne, gerne wäre ich dein! Zuhause ist man streng. Ich bin so scheu und mag nicht meine ernsten Brüder kränken und füge mich und kann mich dir nicht schenken, wie sehr es mich verlangt. Glaub mir, Tschong-Tseu! Noch dieses! Rüttle nicht mehr an dem Gitter des Gartens. Meine Seligkeit, ich zitter, daß du das Sandelbäumchen umbrichst. Nein, mein Herzgeliebter, nein! Es kann nicht sein. Ich bin nicht, die ich war, mir selber neu. Die Leute, du! Ich schäme mich, ich schäme mich so, daß ich in ihr Gerede käme, und doch verbrenn ich fast. Glaub mir, Tschong-Tseu!
Brich nicht durch meine Weiden Conrad Haußmann (1857–1922)
— in: Haußmann, Conrad. "Im Tau der Orchideen" und andere chinesische Lieder aus drei Jahrtausenden. München: Albert Langen, Verlag für Literatur und Kunst, 1908. p. 12.
— in: Goldscheider, Ludwig (ed.). Die schönsten Gedichte der Weltliteratur. Ein Hausbuch der Weltlyrik von den Anfängen bis heute. Wien, Leipzig: Phaidon-Verlag, 1933. p. 57.
Brich nicht durch meine Weiden In unser Dorf herein. Tschong-Tseu, du mußt mich meiden, Denn sieh, es darf nicht sein. Ach, wenn nur eins nicht wäre, Ich bin voll Scham und Scheu, Weil ich die Eltern ehre, Sonst, o wie gern, Tschong-Tseu. Tschong-Tseu, und übersteige Des Hofes Mauer nicht, Des Maulbeerbaums Gezweige – Ich pflanzt ihn selber – bricht. Ich gäbe Frucht und Blüten, Doch schau, wie streng und treu Die Brüder mich gehüten, Sonst, o wie gern, Tschong-Tseu. Tschong-Tseu, reiß nicht am Zaune, Weil du ihn sonst zerdrückst, Und – höre, was ich raune – Mein Sandelbäumchen knickt. Es fängt schon an zu düstern, Ach Gott, die Angst und Reu, Die Leute und ihr Flüstern, Sonst, o wie gern, Tschong-Tseu!
Das junge Mädchen Hans Heilmann (1859–1930)
— in: Heilmann, Hans. Chinesische Lyrik vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart, Die Fruchtschale. München, Leipzig: R. Piper & Co., 1905. p. 5f.
Ich bitte dich, o Tschong-Tseu, komme nicht mehr durch unser Dorf, steige nicht auf die Weide, die ich gepflegt habe. Ich kann dir meine Liebe nicht schenken, ich muß doch Vater und Mutter ehren und fürchten! O wie gerne wär' ich die Deine, Tschong-Tseu. Aber die Vorwürfe meiner Eltern, muß ich sie nicht scheuen – und still gehorchen? Ich bitte dich, o Tschong-Tseu, klettre nicht auf die Mauer unseres Gehöfts, brich nicht die Zweige des Maulbeerbaums, den ich gepflanzt habe. Ich kann dir meine Liebe nicht schenken, ich muß doch meine älteren Brüder ehren und fürchten! Muß ich nicht ihrem Rat in Zucht und Demut folgen? Ich bitte dich, o Tschong-Tseu, brich nicht durch das Gitter, zertritt nicht mein Sandelbäumchen! Ich kann dir meine Liebe nicht schenken, ich muß doch die Leute fürchten und ihr Gerede. O wie gerne wollte ich die Deine sein, Tschong-Tseu! Aber die Leute und ihr Gerede, muß ich sie nicht fürchten?
Bitte um Mäßigung Vincenz Hundhausen (1878–1955)
— in: Hundhausen, Vincenz. Chinesische Dichter in deutscher Sprache. Peking, Leipzig: Pekinger Verlag, 1926. p. 122.
Tschung, mein Freund, ich muß dich bitten, Wie ich dich schon oft gebeten, Nicht mit allzu heftigen Schritten In den Weiler einzufallen Und die Weiden zu zertreten. Nicht aus Liebe zu den Weiden, Muß ich dich doch lieber leiden. Aber meiner Eltern Schelten Fürchte ich, und diese Sorge Muß doch auch dem Sohne gelten. Tschung, mein Freund, ich muß dich bitten, Und du mußt es mir versprechen, Nicht mit allzu wilden Sitten Über unsere Mauer kletternd Maulbeertriebe zu zerbrechen. Nicht aus Liebe zu den Trieben, Muß ich dich doch mehr noch lieben. Aber meiner Brüder Schelten Fürchte ich, und diese Sorge Muß doch auch dem Bruder gelten. Tschung, mein Freund, ich muß dich bitten, Und du mußt auch auf mich hören, Nicht mit allzu rohen Tritten In den kleinen Garten dringend Die Akazien zu zerstören. Nicht aus Liebe zu den Zweigen, Liebe kann ich dir nur zeigen. Aber unserer Nachbarn Schwätzen Fürchte ich, und diese Sorge Darf ich doch gering nicht schätzen.
Die Sittsame Klabund (1890–1928)
— in: Klabund. Das Blumenschiff. Berlin: Erich Reiss Verlag, 1921. p. 56.
— in: Klabund. Dichtungen aus dem Osten. Bd. II China: Chinesische Lyrik. Wien: Phaidon-Verlag, 1929. p. 9.
— in: Klabund. Dichtungen aus dem Osten. Bd. II: Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Wien: Phaidon-Verlag, 1954. p. 5.
Steige nicht mehr von der Weide Übern Zaun in die Rapunzeln. Willst du, daß ich Arges leide? Nachbarn möchten boshaft schmunzeln. Schwing dich nicht vom Maulbeerzweige Übern Zaun in unsre Gründe. Glaubst du, daß mein Bruder schweige? Und ich weiß, es ist doch Sünde. Ach, zerbrich des Zaunes Latten Nicht und laß die Sandel leben! Dem nur, den ich meinen Gatten Nennen darf, bin ich ergeben.
Steige nicht mehr von der Weide Klabund (1890–1928)
— in: Korth, Michael (ed.). Schöner Jüngling, mich lüstet Dein. Liebesgedichte von Frauen. Frankfurt a. M.: Eichborn Verlag, 1988. p. 37.
Steige nicht mehr von der Weide übern Zaun in die Rapunzeln. Willst du, daß ich Arges leide? Nachbarn möchten boshaft schmunzeln. Schwing dich nicht vom Maulbeerzweige übern Zaun in unsre Gründe. Glaubst du, daß mein Bruder schweige? Und ich weiß, es ist doch Sünde. Ach, zerbrich des Zaunes Latten nicht und laß die Sandel leben! Denn nur, den ich meinen Gatten nennen darf, bin ich ergeben.
Mädchenbitte Elisabeth Oehler-Heimerdinger (1884–1955)
— in: Oehler-Heimerdinger, Elisabeth. Das Frauenherz. Chinesische Lieder aus drei Jahrtausenden. Leipzig: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1925. p. 15f.
Mein Schatz, du sollst mir eins versprechen: Komm nicht mehr in des Dorfes Kreis! Du könntest meine Weiden brechen. Mir ist's nicht um das Weidenreis, Ich fürchte nur, die Eltern sprechen! Dich muß ich lieben immerfort Und fürchte doch der Eltern Wort. Mein Schatz, du sollst mir eins versprechen: Spring über meine Mauer nicht! Du könntest meinen Maulbeer brechen. Mir ist's nicht um den Maulbeer dicht, Ich fürchte nur, die Brüder sprechen! Dich muß ich lieben immerfort Und fürchte doch der Brüder Wort. Mein Schatz, du sollst mir eins versprechen: Betritt nicht meines Gartens Raum! Du könntest Sandelzweige brechen. Mir ist's nicht um den Sandelbaum, Ich fürchte nur, die Leute sprechen! Dich muß ich lieben immerfort Und fürchte doch der Leute Wort.
Empfehlung der Behutsamkeit Friedrich Rückert (1788–1866)
Tschong-Tse, was ich dich bitte: Geh nicht so frey durch unsres Dorfes Mitte, Den Zaun von Weiden nicht zerbrich! Wie dürfte dich Denn lieben ich? Die Eltern muß ich scheuen; Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Eltern Worte schrecken mich. Tschong-Tse, was ich dich bitte: Steig' auf die Mauer nicht mit kühnem Schritte, Die Maulbeerzweige nicht zerbrich! Wie dürfte, sprich, Dich lieben ich? Die Brüder muß ich scheuen; Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Brüder Drohung schrecket mich. Tschong-Tse, was ich dich bitte: Den Garten laß, verletze nicht die Sitte, Die zarten Ranken nicht zerbrich! Wie dürft' ich dich Wol lieben, sprich? Den Leumund muß ich scheuen; Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Leute Reden schrecken mich.
Die Folgsame Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Sekles, Bernhard (ed.). Aus dem Schi-King. Leipzig: D. Rahter, 1907. p. 12.
Tschong-Tse, was ich dich bitte: Geh nicht so frei durch unsres Dorfes Mitte, Den Zaun von Weiden nicht zerbrich! Wie dürfte dich denn lieben ich? Die Eltern muß ich scheuen; Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Eltern Worte schrecken mich. Tschong-Tse, was ich dich bitte: Steig auf die Mauer nicht mit kühnem Tritte, Die Maulbeerzweige nicht zerbrich! Wie dürfte, sprich, dich lieben ich? Die Brüder muß ich scheuen; Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Brüder Drohung schrecket mich. Tschong-Tse, was ich dich bitte: Den Garten laß, verletze nicht die Sitte, Die Zarten Ranken nicht zerbrich! Wie dürft ich dich wohl lieben, sprich? Den Leumund muß ich scheuen, Tschong-Tse, bedenke das in Treuen! Der Leute Reden schrecken mich.
No title ("Ich bitte, Tschung Tse, höre mich") Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Brandes, Georg. Die chinesische Dichtung von Otto Hauser. Mit 9 Vollbildern in Tonätzung. Berlin W.: Marquardt Co., Verl.-Anst. G.m.b.H., 1905. p. 11.
Ich bitte, Tschung Tse, höre mich! Steig' nicht in unser Dörfchen her, Zerbrich nicht unsre Weidenpflanzen mehr! Wie wagt' ich es und liebte Dich? Vor meinen Eltern fürcht' ich mich. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der beiden Eltern Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein. Ich bitte, Tschung Tse, höre mich! Steig' über unsern Wall nicht wieder, Brich nicht die Maulbeerpflanzen nieder! Wie wagt' ich es und liebte Dich? Ich fürchte meine ältern Brüder. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der ältern Brüder Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein. Ich bitte, Tschung Tse, höre mich! Steig' nicht durch unsern Gartenzaun, Brich nicht die Sandelpflanzen, die wir baun! Wie wagt' ich es und liebte Dich? Der Leute Reden fürcht' ich, die es schaun. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der Leute vielen Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein.
Mädchenbitte Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Strauß, Victor von. Schi-king. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg: Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1880. p. 154.
— in: Kürschner, Josef. China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Leipzig: Verlag von Hermann Zieger, 1901. p. 20.
— in: Wentzel, Julius. Am Liederquell der Völker. Die klassische Lyrik der Weltliteratur. Leipzig: R. Voigtländer's Verlag, 1912. p. 7f.
— in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 39.
— in: Tatlow, Antony. Brechts chinesische Gedichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1973.
Ich bitte, Tschungtse, höre mich! Steig' nicht in unser Dörfchen her, Zerbrich nicht unsre Weidenpflanzen mehr! Wie wagt' ich es und liebte dich? Vor meinen Eltern fürcht' ich mich. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der beiden Eltern Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein. Ich bitte, Tschungtse, höre mich! Steig' über unsern Wall nicht wieder, Brich nicht die Maulbeerpflanzen nieder! Wie wagt' ich es und liebte dich? Ich fürchte meine ältern Brüder. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der ältern Brüder Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein. Ich bitte, Tschungtse, höre mich! Steig' nicht durch unsern Gartenzaun. Brich nicht die Sandelpflanzen, die wir baun! Wie wagt' ich es und liebte dich? Der Leute Reden fürcht' ich, die es scheun. Du, Tschung, magst mir im Sinne sein; Doch vor der Leute vielen Reden Darf ich der Furcht wohl inne sein.